So ein Reisejahr bringt manches auf den Punkt, wirft anderes über den Haufen, stellt einen selbst von den Füßen auf den Kopf und wenn man Glück hat, dreht es einen auch wieder um. Ein Leben im Riesenrad. Es ist mir nicht mehr möglich, nur das zu sehen, was gerade vor meinen Augen passiert. Zu jedem Zeitpunkt laufen parallel, in meinem Kopf, Situationen ab, die ich unterwegs erlebte. Der Rahmen hat sich vergrößert, die Akteure vermehrten sich. Zu unseren hier praktizierten Abläufen und Haltungen sind breite Angebote an Alternativen hinzugekommen. Ich bin größer geworden und auch kleiner. Größer, weil angefüllter. Kleiner, da ich mich selbst weniger wichtig nehme. Dringlichkeiten haben sich verschoben, Prioritäten auch. Ich habe meinen Platz auf dieser Welt. Ruhiger ist es da, Konsum spielt eine untergeordnete Rolle, meine Beziehung zu den Menschen hat einen noch höheren Stellenwert eingenommen. Wie wir uns geben, was wir von uns zeigen, wie offen wir anderen, ihren Ansichten und Erfahrungen gegenüber sind.

Das Leben schenkt uns so vieles. Wenn wir bereit dazu sind, hinschauen und die Türen offen halten.

  • Dem Anderen wahrhaftiges Interesse schenken
  • Uns Zeit nehmen zum Hören und Verstehen
  • Über uns selber lachen
  • Weglassen, was uns eng werden lässt und beschränkt
  • Ehrlich uns selbst gegenüber sein
  • Uns selbst nicht zu wichtig nehmen
  • Mit denen umgeben, die unsere positive Energie speisen
  • In der Ruhe unserer inneren Mitte sein und von dort aus aktiv werden

Alles nicht neu. Doch tatsächlich getan, ein komplett neues Leben.

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Wie ist das nun mit der Balance im Leben, dem Gleichgewicht der Gegensätzlichkeit? Rechts-links, vorn-hinten, oben-unten. Warum Gegensatz, wenn es doch auch Ausgewogenheit im Ganzen geben könnte? Ich mache mich stark, setze mich ein für die Aufhebung des Trennenden von „Work“ UND „Life“. Vielmehr strebe ich ein „Life“ IM „Work“ an. Unseren Arbeitsalltag so zu gestalten, dass er mit Fug und Recht behaupten kann, Teil unseres Lebens zu sein. Auch noch ein Gewollter. Nicht das Anhängsel, das gern Verschwiegene, Schwierige. Wir schaffen mehr, wenn wir uns Ruhepausen am Tag gönnen. Wir sind schneller und kreativer, wenn wir Orte zum Arbeiten wählen, die unserem inneren Wohlbefinden zuträglich sind. Wir sind die Gestalter unseres Lebens und damit auch unserer Arbeitswelten. Es braucht nicht gleich die große Keule der radikalen Veränderung. Doch einen ersten Gedanken, einen zweiten Schritt, ein drittes Tun in die Richtung unserer höheren Zufriedenheit im Arbeitsalltag haben wir in der Hand. Und können aufhören, unsere freien Tage zu überfordern im Erwarten, was sie alles zu erfüllen haben. Um uns zu entschädigen für unsere Unwucht im Leben. Dann darf auch der Urlaub entspannen und sein schönstes Gesicht zeigen. Das freudvoll Gelöste.

Wie bitte soll das gehen? Was ist das überhaupt? Das Ankommen. Mir scheint jeder Wimpernschlag bereits der längst verflossene Moment zu sein. Sind wir nicht immer schon einen Schritt weiter als uns das Ankommen weiß machen will? Gehen wir gerade. Entfernen wir uns augenblicklich vom Ankommen. Ohne überhaupt angekommen zu sein. Oder wie? Ich mache mich vertraut. Auf neue Weise. Mit polierten Augen. Geputzten Ohren. Und einer Haut, die empfindsam reagiert auf jeden Windhauch der sie streift. Ich bin empfänglich und halte doch Abstand. Komme an in der mir fremden Vertrautheit. Und weiß doch, dass wir alle unterwegs sind. Miteinander und jeder für sich. Diese glitzernden Funken zwischen uns. In diesen seltenen Momenten der sich wechselseitig meinenden Begegnung. Das ist es wohl was ich meine, wenn ich sage: „Ich komme an“. Und wieder einmal ist es Lebenszeit.

Elke Klinger